35. Wirtschaftstag der Volksbank

„Wir hatten das ungeheure Glück eines offenen Zeitfensters“ Horst Teltschiks Bilanz nach 25 Jahren deutscher Einheit

27.10.2015 - Winsen

„Beim Blick auf die neuen Bundesländer steht immer wieder die Angleichung der Lebensverhältnisse im Fokus. Aber niemand spricht davon, dass wir in ganz Deutschland völlige Gleichheit erreicht haben bei Rechten und Freiheiten: Redefreiheit, Pressefreiheit, Reisefreiheit, Versammlungsfreiheit“, erinnert Horst Teltschik die rund 600 Besucher in der Winsener Stadthalle.

Die Volksbank Lüneburger Heide eG  hatte zum 35. Wirtschaftstag eingeladen und mit Horst Teltschik einen wichtigen Zeitzeugen, Gestalter und mitreißenden Redner gewonnen. „Bei unserem ersten Wirtschaftstag 1981 hatten wir den Fernsehjournalisten Friedrich Nowottny zu Gast“, sagte Volksbank-Vorstand Cord Hasselmann in seiner Begrüßung. „Ihm folgten renommierte Sprecher aus den Medien, der Politik, Wirtschaft und Wissenschaft, wie Alexander Niemetz, Theo Waigl, Wolfgang Grupp (TRIGEMA) und Prof. Thomas Straubhaar (HWWI).“ Viele Gäste des diesjährigen Wirtschaftstages waren gemeinsam mit ihren erwachsenen Kindern gekommen, die den Ausführungen Teltschiks gespannt folgten.

Mit der lebendigen Schilderung historischer Brennpunkte zog Horst Teltschik seine Zuhörer in seinen Bann. | Foto: Andreas Tamme

Horst Teltschik war in jenen aufgewühlten Jahren als Vize-Kanzleramtschef, enger Berater und Sonderbeauftragter von Bundeskanzler Helmut Kohl, mittendrin im Geschehen und hat die Entwicklung an entscheidender Stelle mitgestaltet. Sein Rückblick ist nicht kühl-analytisch, sondern lebendig. Seine Zuhörer nimmt er mit zum Staatsbesuch bei Juri Andropow und imitiert die zittrigen Bewegungen des altersschwachen und kranken Generalsekretärs des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei (KPdSU). Wie nah man im Kalten Krieg vor dem Ausbruch bewaffneter Auseinandersetzung stand, schildert Teltschik aus seiner Perspektive als junger Bundeswehrsoldat. Mit seiner Einheit musste er Weihnachten und Silvester 1961/62 in der Kaserne verbringen, „voll mobilisiert, mit aufgetankten und munitionierten Panzern, um jederzeit ausrücken zu können“.

Die Entwicklung im Jahr 1989 sei von drei Faktoren begünstigt worden. In Polen habe die Gewerkschaft Solidarnosc unter Lech Walesa den friedlichen Wechsel eingeleitet. In Ungarn kündigten sich schon im Frühjahr freie Wahlen, Mehrparteiensystem und die Öffnung der Grenze zum Westen an. Und in der Sowjetunion hielt sich Präsident Gorbatschow an seine Zusage, sich hier wie dort nicht in die inneren Angelegenheiten der befreundeten Staaten einzumischen oder gar militärisch zu intervenieren.

Gespannte Zuhörer | Foto: Andreas Tamme

Im Sommer und Herbst 1989 kamen dann über 250.000 DDR-Aussiedler in die Bundesrepublik. Damals habe in Deutschland erstaunlicherweise kaum einer daran gedacht, dass nun die „deutsche Frage“ – die nach der Wiedervereinigung – wieder auf dem Tisch sei. Der amerikanische Präsident George Bush sei da schon weiter gewesen: Bei seinem Deutschlandbesuch im Mai 1989 hatte er in Mainz das Ende der Teilung Europas in Ost und West beschworen und die Mauer als Beweis für das Scheitern des Kommunismus bezeichnet. Im Herbst formierte sich der Widerstand in der DDR, erstmals kam es zu Massendemonstrationen, und am 9. November fiel die Mauer. „Das war keine Wende, das war eine friedliche Revolution“, so Teltschik. Er weilte damals mit Bundeskanzler Kohl in Polen, beide schafften es am 9. November doch noch nach Berlin. Eine Wiedervereinigung stand nicht zur Debatte. Hätte ihn damals jemand danach gefragt, so hätte er „vielleicht in fünf bis zehn Jahren“ geantwortet. Bekanntlich lag zwischen den beiden Ereignissen weniger als ein Jahr, genau 329 Tage - so auch der Titel des Buches von Teltschik, in dem er seine „Innenansichten der Einigung“ niedergeschrieben hat.

Foto: Andreas Tamme

Erstmals sprach Helmut Kohl das Thema Wiedervereinigung in der so genannten 10-Punkte-Rede im Bundestag an. Mit dieser Rede habe sich Kohl als bedeutender Staatsmann profiliert, urteilte sein vormaliger politischer Gegenspieler Helmut Schmidt.  Weder die Siegermächte noch Politiker in den eigenen Reihen waren über die Regierungserklärung informiert. Nach der Rede wurde aber sofort Kontakt mit den Partnern aufgenommen. Mit viel Entgegenkommen habe die Bundesregierung dem Westen die Angst vor einem wiedervereinten Deutschland nehmen können. Entscheidend aber seien die Gespräche mit der sowjetischen Führung gewesen. Die Bundesrepublik habe mit vielfältiger Unterstützung versucht, Moskau auf die Seite zu ziehen. Horst Teltschik verweist auf insgesamt 22 Verträge, die alleine im Jahr 1990 mit der Sowjetunion geschlossen wurden, Lebensmittel-Lieferungen, Kredite und später Gelder für den Truppenabzug. Bei allen Verhandlungen sei es aber darum gegangen, Gorbatschow nicht als Verlierer zu behandeln, sondern mit der Sowjetunion als Weltmacht auf Augenhöhe zu verhandeln.

Dass schließlich alles so schnell ging, lag nach Ansicht Teltschiks auch daran, dass alle Partner Zeit hatten, sich nahezu ausschließlich um die Wiedervereinigung zu kümmern. „In der Zeit der Verhandlungen gab es weltweit keinen einzigen anderen Konflikt, der die Aufmerksamkeit auf sich zog. Wir hatten das ungeheure Glück eines offenen Zeitfensters – und wir haben diese Chance genutzt.“ Am 3. Oktober 1990 feierte Deutschland die Einheit – nach nur wenigen Monaten der Verhandlungen, mit der Zustimmung aller Partner und völlig friedlich. „Zum ersten Mal hat Deutschland keine Feinde mehr“, habe sich Bundeskanzler Kohl gefreut.

Zeitzeuge, Gestalter, mitreißender Redner: Horst Teltschik (2. v. l.) begeisterte die Landtags-abgeordneten André Bock (l.), Heiner Schönecke (r.) und den Vorstand der Volksbank Lüneburger Heide, Cord Hasselmann und Gerd-Ulrich Cohrs. | Foto: Andreas Tamme

Damals habe die Vision von einem in Frieden und Freiheit vereinten Europa, einschließlich Russlands, in greifbarer Nähe gelegen. Als die KSZE-Staaten im November 1990 die „Pariser Charta für ein neues Europa“ verabschiedeten, hätten sie erstmals die Chance auf eine gesamteuropäische Friedensstrategie in Händen gehalten. Teltschik kritisiert die folgenden Politiker-Generationen, nicht mit den Werkzeugen dieser Charta an einem gemeinsamen europäischen Haus gebaut zu haben. Man habe viele historische Chancen vertan, nur wenige genutzt. Statt die erfolgreiche Vertrauensbildung in der Amtszeit von Bundeskanzler Helmut Kohl fortzusetzen, seien viele Brücken zwischen Ost und West niedergerissen worden. Der Westen verkenne die auch historisch bedingten existenziellen Sicherheitsinteressen Russlands. Während Kohls Kanzlerschaft sei eine Sicherheitspartnerschaft zwischen NATO und Russland aufgebaut worden. „In der NATO, der EU und der Bundesregierung wurde auch danach oft über Partnerschaften mit Russland gesprochen, aber es ist wenig passiert“, bemängelt Teltschik. „Auf Dauer können wir Sicherheit in Europa nicht ohne oder gar gegen Russland erreichen, sondern nur mit Russland“, ist Teltschik überzeugt. „Nur die Zusammenarbeit mit Russland wird Russland verändern, nicht der erhobene Zeigefinger!“

Der Rückblick auf das vergangene Vierteljahrhundert lässt auch Teltschik vor vielen Zukunftsfragen ratlos zurück: Wie geht es mit Europa weiter? Wohin marschiert Russland? Welche Rolle spielt künftig die NATO? Wie geht es weiter in der Flüchtlingskrise? „Mir fehlen die langfristigen Strategien in diesen Fragen“, so sein Schlusssatz. Langanhaltender Beifall zeigt, wie sehr er den Nerv seiner Zuhörer getroffen hat. Für Volksbank-Vorstand Cord Hasselmann ein Signal: „Wir freuen uns über Ihre Zustimmung -  seien Sie schon jetzt herzlich eingeladen zu unserem 36. Wirtschaftstag!“