36. Wirtschaftstag der Volksbank

„Der größte Vermögenswert sind Sie und Ihr Kopf“ Börsenspezialistin Anja Kohl über Krisen und Schulden, Risiken und Chancen

03.11.2016 - Winsen (Luhe)

Die wichtigsten Tipps kamen zum Schluss. „Unterschätzen Sie nicht Ihren größten Vermögenswert – das sind Sie selbst. Investieren Sie in den Erhalt ihrer Erwerbsfähigkeit, und vergessen Sie nicht, gut zu leben. Machen Sie eine gute Flasche Wein auf – so viele Prozente kriegen Sie nirgends“, ermunterte Anja Kohl die mehr als 700 Besucher in der Winsener Stadthalle.

Die Volksbank Lüneburger Heide eG hatte zum 36. Wirtschaftstag eingeladen und mit der Moderatorin der ARD-Sendung „Börse vor acht“ eine versierte Fachfrau gewonnen. Sie führte ihre Zuhörer elegant durch zum Teil schwieriges Terrain, präsentierte Fakten und fand immer wieder klare Worte. Ihr Thema: „Immer Krise? Unser Geld im Zeitalter der Zentralbanken und der Negativzinsen“.

Anja Kohl auf dem Wirtschaftstag der Volksbank Lüneburger Heide eG
Anja Kohl auf dem Wirtschaftstag der Volksbank Lüneburger Heide eG

„Bei unserem Wirtschaftstag orientieren wir uns an der Frage: Was sagt uns ein Journalist, ein Unternehmer, ein Wissenschaftler, ein Politiker zum Thema Wirtschaft?“, so Volksbank-Vorstand Cord Hasselmann in seiner Begrüßung. 2012 hatte Trigema-Chef Wolfgang Grupp von Unternehmern mehr Verantwortung gefordert. 2013/14 nahmen Prof. Thomas Straubhaar (HWWI) und der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigl die Entwicklung des Euro unter die Lupe, und im vergangenen Jahr erinnerte Horst Teltschik, Vize-Kanzleramtschef unter Bundeskanzler Helmut Kohl, an die bewegten Tage der Wendezeit 1989/90. Mit der ARD-Börsenexpertin stand seit längerer Zeit wieder eine Frau auf der Bühne.

„Endlich lernen wir uns mal kennen!“ Die freundliche Begrüßung bedeutete aber nicht, dass Anja Kohl nicht vorwiegend ernste Dinge ansprechen würde. „Ich werde ehrlich sein – das ist eine Drohung – und werde Sie hart ‘rannehmen. Aber am Ende wird’s besser“, versprach sie. Denn die Situation der Finanzmärkte ist weltweit hart. Was läuft also schief? „Volkswirtschaftlich gesehen, waren die letzten 30 Jahre nicht die Norm, sondern die Ausnahme. Die Standardnachschlagewerke der Vergangenheit können Sie vergessen“, so Anja Kohl. Es sei richtig, dass es irgendeine Krise zu jeder Zeit gegeben habe. Der Unterschied zu früher: „Es sind nicht mehr nur einige Länder verschuldet, sondern die ganze Welt. Die Schulden waren noch nie so hoch, die Zinsen noch nie so niedrig.“ Die Notenbanken hätten daraufhin die „Ära des billigen Geldes“ eingeleitet. Die EZB habe den Markt für Staatsanleihen „fast komplett übernommen“. Die Länder hätten derweil Reformen anschieben sollen, passiert sei aber wenig.

Italien etwa habe vielmehr 360 Milliarden aus „faulen Krediten“ in Fonds ausgelagert. Die privaten Haushalte seien hoch verschuldet, viele Menschen arbeitslos. Die Kunden der Volksbank beruhigte die Referentin: „Sie sind hier bei einer sehr sicheren Bank.“ Diese sei mit einer Kernkapitalquote von über 16 Prozent ein gesundes, starkes Unternehmen, wie viele andere Volksbanken auch.

Das Geschäft mit Aktien und Immobilien laufe wieder, aber nicht alle würden daran partizipieren. Zudem gebe es einen Wettlauf der Währungen: „Jeder will die schwächste haben, um seine Exporte zu steigern und strukturelle Schwächen auszubessern.“ China etwa verlege seinen Schwerpunkt zurzeit vom Export auf Konsum und Investition.

In den USA habe die Notenbank FED die Zinsen erhöht, zugleich wurde mit dem Einsatz von Fracking der Preis für Energie gesenkt. „Sie pimpen den Zins und pushen die Energie“, sagte Anja Kohl. „Nur eines haben nicht einmal die Amerikaner gewagt: Negativzinsen. Für so einen Einfall braucht es wohl Europäer.“ Es werde vielmehr erwartet, dass die USA die Zinsen weiter erhöhen, um ihre Glaubwürdigkeit zu erhalten. „Millionen Amerikaner fühlen sich zurückgelassen. Das wird auch den Ausgang der Wahl entscheiden.“

Volksbank Vorstand Cord Hasselmann dankte Anja Kohl für ihren spannenden, informativen Vortrag. (Foto: Andreas Tamme)
Volksbank Vorstand Cord Hasselmann dankte Anja Kohl für ihren spannenden, informativen Vortrag. (Foto: Andreas Tamme)

Währenddessen herrsche in der EU Stillstand. Die Anzeichen: „Es werden wieder Zäune gebaut, es gibt wieder Protektionismus.“ Die EU scheine nicht mehr handlungsfähig zu sein, was sich in der Flüchtlingskrise zugespitzt habe. „Merkels Kardinalfehler war nicht ihr Satz „Wir schaffen das“, sondern der EU zu vertrauen.“ Die 19 Euro-Länder seien nicht gleich stark wettbewerbsfähig. Spanien etwa müsste dreimal so stark wachsen wie derzeit, um seine Schulden loszuwerden. Die Arbeitslosigkeit sei zwar in der Eurozone zurückgegangen, aber in den Südländern immer noch auf hohem Niveau. Viele Arbeitsverhältnisse seien prekär. Italien gebe Anlass zur Sorge, „aber über einen Rauswurf wie in der Griechenlandkrise zu spekulieren, geht nicht. Italien ist die drittgrößte Volkswirtschaft der EU.“ In der Bevölkerung wachse der Unmut über die Europäische Union, über ungleich verteiltes Vermögen, über Entscheidungen über die Köpfe der Bürger hinweg, wie beim jüngst geschlossenen Freihandelsabkommen CETA. Das hinterfragten vor allem jene, bei denen vom Wachstum nichts ankommt. „Wir haben nichts gegen freien Handel, aber gegen Intransparenz“, heiße es dann. „So wandeln sich Diskurse in Proteste und in Wahlergebnisse“, warnte Kohl. Während die EU einen „Schattenstaat“ mit supranationalen Institutionen wie dem Rettungsschirm aufbaue, verabschiedeten sich in der Folge die Briten aus dem EU. „Den Brexit müssen wir als Weckruf verstehen, die EU neu zu gestalten“, appellierte Kohl.

Die Geldpolitik der EZB habe zwar eine Stabilisierung erreicht, aber: „Es ist immer Krise: Die Staatsschulden bleiben hoch, die Zinsen niedrig, das Wachstum verhalten.“ Und neue Schulden zur Bedienung der alten aufzunehmen, gefährde nicht nur die Altersvorsorge im Kern, sondern die Negativzinsen beraubten auch noch die Banken, „auch die, die ordentlich gewirtschaftet haben“. Der EZB fehle ein unabhängiges Kontrollgremium. „Kontrolliert wird nur von innen. Das kennen wir vom IOC, von der Fifa und vom ADAC“, sagte sie. Lösungen seien ohne Schmerzen nicht zu haben. „Unser Wohlstand hängt davon ab, ob unsere Gesellschaft zu Lösungen fähig ist.“

Aber Anja Kohl hatte auch gute Nachrichten versprochen. „Die Wirtschaft in der EU erholt sich, dazu trägt auch die günstige Ölpreisentwicklung bei.“ Die hiesige Autoindustrie könne noch 400 Millionen Fahrzeuge nach China verkaufen, um den gleichen Motorisierungsgrad wie hierzulande zu erreichen. „Aber Deutschland muss aufpassen, dass es sich nicht im Ausland verzockt. In der kommenden Dekade müssen wir beweisen, ob wir noch echte Innovationen generieren können.“ Dazu brauche es neue Allianzen und Netzwerke. Und einen starken Staat. „Damit meine ich keinen Staat, der immer nur repariert und die Fehler der anderen behebt. Sondern er muss mit im Boot sitzen. Wie bei Apple oder Tesla, bei denen sich die US-Regierung schon früh engagiert hat.“

Was heißt all das nun für den Anleger? Wer jetzt auf den todsicheren Anlagetipp gewartet hatte, wurde enttäuscht. „Glauben Sie keinen Tipps“, mahnte Anja Kohl. „Besprechen Sie das mit Ihrem Vermögensberater. Hier gibt es zu viele persönliche Faktoren und Möglichkeiten, die eine pauschale Empfehlung unseriös werden lassen.“ Sie riet zu breiter Streuung. Bei Anlagen sollte man Kosten und Gebühren einzukalkulieren, auch auf Dividende  achten und sich bewusst machen, dass Rendite ohne Risiko nicht mehr zu erzielen sei.

Für den gut einstündigen Vortrag bedankte sich Volksbank-Vorstand Cord Hasselmann mit einem Blumenstrauß und einem Halstuch in „Volksbank-Orange“ – „wir würden uns freuen, wenn Sie es auch einmal tragen würden“, sagte der Vorstand augenzwinkernd.