2. Digitaler Wirtschaftstag 2021

15.10.2021

Auch in diesem Jahr findet unser Wirtschaftstag coronabedingt digital statt. Moderatorin Kristina zur Mühlen führt durch das Programm, zu Gast sind Ranga Yogeshwar, die Nachhaltigkeitsmanagerin Kalina Magdzinska und Dr. Fabian Max Wendel, Gruppenleiter Nachhaltigkeit bei der DZ BANK AG. Vorab befragten wir in einem Videointerview Ranga Yogeshwar zum Thema Nachhaltigkeit.

Ranga Yogeshwar, Moderator & Wissenschaftsjournalist

Ranga Yogeshwar wurde 1959 in Luxemburg als Sohn eines indischen Ingenieurs und einer luxemburgischen Künstlerin geboren. Er studierte Experimentelle Elementarteilchenphysik und Astrophysik und arbeitete am Schweizer Institut für Nuklearforschung (SIN), am CERN in Genf und am Forschungszentrum Jülich. Ranga Yogeshwar begann seine journalistische Laufbahn 1983, zunächst bei verschiedenen Verlagen, dann im Bereich Hörfunk und Fernsehen. Seit 2008 arbeitet Ranga Yogeshwar als unabhängiger Journalist und Autor. Er zählt zu den führenden Wissenschaftsjournalisten Deutschlands und entwickelte und moderierte zahlreiche TV-Sendungen. Er erhielt über 60 Fachpreise und seine Bücher avancierten schnell zu Bestsellern, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurden.

Was sind für Sie die wichtigsten Nachhaltigkeitsziele?

Beim Thema Nachhaltigkeit haben wir in den letzten Jahren immer nur Teile eines Gesamtbildes erfasst. Wir reden vom Klimaproblem, aber wir reden zu wenig über Nachhaltigkeit in sozialen Dingen. Wenn wir beispielsweise an globale Lieferketten denken, erkennen wir, dass ein riesiges Gefälle entsteht. Wir sind hier in einem instabilen Zustand.

Daher besteht die große Herausforderung darin, Nachhaltigkeit als Gesamtheit zu denken. Wir sollten die Themen Ressourcenverbrauch, Klimabelastung, soziale Aspekte – die schlimmstenfalls in große Wanderungsbewegungen münden – gleichermaßen angehen.

Was kann der Einzelne tun, zum Beispiel beim Thema Ressourcenverbrauch?

Wir denken, dass wir nachhaltig leben, wenn wir Autos fahren, die ein bisschen besser sind, Produkte kaufen, die ein bisschen sozialer sind, oder wenn wir Müll besser recyceln. Aber solange wir alle – und da nehme ich mich nicht aus – in einer Konsumschleife verhaftet sind, werden wir einen enormen Ressourcenverbrauch haben. Denn der Konsum selbst führt dazu, dass wir zu viele Ressourcen in zu kurzer Zeit verbrauchen. Da braucht es nicht nur die kleine technische Lösung, die an der einen oder anderen Stelle greift, sondern einen kulturellen Wandel.

Wie kann solch ein Wandel aussehen?

Wir leben in einer Welt, in der wir zum Beispiel sagen, dass Reichtum und Wachstum eine ganz besondere Qualität darstellen. Also jemand, der ein großes Haus hat, ist besser dran als jemand, der eine kleine Wohnung hat. Jemand, der viel reisen kann, ist besser dran als jemand, der wenig reisen kann. Die Prioritäten liegen auf materiellen Dingen. Provokant könnte man fragen: „Wie viel CO2 muss ich produzieren, um glücklich zu sein?“

Dieses Narrativ hat sich aus guten Gründen an vielen Stellen durchgesetzt. Es dient vielen Schwellenländern als Blaupause für einen ähnlichen Weg. Und so träumen in Indien und China die Menschen davon, denselben materiellen Wohlstand zu erleben, wie wir ihn haben.

Für einen Wandel müssen wir uns essenzielle Fragen stellen: „Um was geht es am Ende im Leben? Was macht mich persönlich glücklich? Ist es der materielle Wohlstand oder sind es andere Qualitäten?“ Auf dem Totenbett gibt es wenige Menschen, die sagen: „Hätte ich doch noch mehr Zeit gehabt, um mehr Geld zu verdienen“, sondern eher: „Hätte ich doch mehr Zeit mit meinen Liebsten verbracht“.

Ihre Familie ist im letzten Jahr gewachsen. Was können wir für die nachfolgende Generation tun?

Im vergangenen Jahr ist mein Enkel Emil geboren. Es ist für mich sehr spannend und sehr bewegend, wenn ich ihn auf dem Arm habe. Denn ich weiß, dass er rein statistisch das nächste Jahrhundert erleben wird. Was wir Zukunft nennen, wird für ihn Gegenwart.

Für dieses Jahrhundert haben wir Klimamodelle, die durch die Erderwärmung kritisch werden – wenn wir nichts dagegen tun. Das ist für unsere Generation eine nette Warnung in die Zukunft, aber es wird die Welt von Emil sein.

Wir sollten die Welt so gestalten, dass junge Menschen nicht ständig im Kampf gegen Extremwetterereignisse sind. Wir sind gezwungen, über langfristige Lösungen nachzudenken, die kurzfristig vielleicht nicht so attraktiv für den Einzelnen sind. Diesen Spagat müssen wir hinkriegen.

Eine langfristige Lösung könnten weniger Autos sein. Wie kann Mobilität nachhaltiger werden?

Die Frage ist zunächst: Wofür brauchen wir diese Mobilität? Man sollte darüber nachdenken, wie viele Wochen oder Monate man für sein Auto arbeitet. Und dann sollte man sich klarmachen, dass es Alternativen gibt. Man kann einen Pkw auch nutzen, ohne ihn zu besitzen. Stichwort Carsharing in der Stadt: Jedes Carsharingfahrzeug ersetzt circa 20 Autos und man gewinnt gleichzeitig circa 200 Quadratmeter Raum. 

Doch eine Entscheidung für den Kauf eines Autos wird nicht rational, sondern emotional getroffen. Die deutsche Automobilindustrie wirbt im Jahr mit weit über 1 Milliarde Euro. Und diese Industrie ist sehr relevant, es hängen viele Arbeitsplätze davon ab. Wir meinen, dass wir diesen Zustand beibehalten müssen, weil wir Angst haben, dass die Ökonomie ansonsten möglicherweise zusammenfällt. Da gilt es zu schauen, was die Zielsetzung ist: Wirtschaftswachstum oder andere Prioritäten?

Hat die Coronapandemie etwas Positives im Hinblick auf Nachhaltigkeit gebracht?

Durch Corona haben wir festgestellt, dass wir ganz viele Prozesse auch digital an verschiedenen Orten erledigen können – Stichwort Homeoffice. Einiges davon wird auch nach Corona prägend sein. In vielen Jobs haben wir die Option, von zu Hause zu arbeiten.

Wir haben festgestellt, dass Einkaufen auch online geht. Und wenn man sich die Klimabilanzen anschaut, ist online nicht immer schlechter. Das wird auf Dauer dazu führen, dass Städte ihr Gesicht ändern. Wir sehen jetzt schon, dass Aufträge für neue, große Shoppingcenter geradezu gleich null sind. Und die Anzahl großer Bürogebäude hat sich in den letzten zwei Jahren halbiert.

Zusätzlich stehen wir möglicherweise vor einer Schwelle, wo sich die Beziehung von Stadt und Land noch mal ändern wird. Auf dem Land hat man große Vorteile: Der Mensch, der in der Stadt die Mieten kaum bezahlen kann, findet viel eher etwas auf dem Land.

Da merkt man, dass sich an ganz vielen Stellen gleichzeitig etwas ändert. Zum Beispiel führt die Flexibilisierung der Arbeit – weg von nine to five – zu neuen Freiheiten, die beispielsweise super für Familien sind. Oder für junge Frauen, die dadurch die Chance haben, im Job zu bleiben oder Teilzeit zu arbeiten. Da gibt es riesige Chancen!

Müssen wir uns auch wieder auf alte Traditionen zurückbesinnen und beispielsweise Produktionen nach Deutschland zurückverlagern?

Im Kontext der Coronakrise gab es ja Stimmen, die zurück in das Nationale wollten, zum Beispiel Fertigungsstätten wieder hier zu haben. Da glaube ich nicht dran. Ich denke, dass es gute Gründe gibt, gewisse Sachen in dem einen oder anderen Land zu produzieren.

Reicht es, wenn Europa den „Green Deal“ umsetzt? 

Ich glaube, wir sind gerade in einer Scharnierphase zwischen dem alten und dem neuen Denken. Mit recycelbaren Coffee-to-go-Bechern und plastikfreien Strohhalmen oder Blue Technology beim Auto rettet man nicht die Welt. Da brauchen wir mehr.

In dieser Scharnierphase müssen wir weiter gehen, als zu sagen: „Wir in Europa machen den Green Deal.“ Die globale Herausforderung wird sein herauszufinden, wie wir es schaffen, eine neue Grammatik zu entwickeln. Die nicht mehr auf materiellem Wachstum beruht, sondern auf anderen Kategorien. Diese kulturelle Veränderung ist nicht einfach und wird dauern. Aber letztlich ist dies langfristig die Lösung.

Kann Europa bei diesem Kulturwandel vorangehen?

Ich glaube, wir müssen hier vorangehen. Weil wir auf der anderen Seite in den letzten Jahrzehnten ein Lebensmodell entworfen haben, das wir exportiert haben. Europa hat jetzt die Chance, ein neues Modell zu entwerfen und zu exportieren. Es gab weltweit viele Kulturen, die nicht so materiell orientiert waren, wie wir es kennen. Zum Beispiel in Indien, wo ich meine Kindheit verbracht habe. Da gab es Menschen, die materiell nicht reich waren, aber intellektuell. Sie wurden geehrt und respektiert. Das hat sich gedreht. Heute schaut man zu den Milliardären: „Was machen Elon Musk oder Jeff Bezos?“

Sind die Umweltkatastrophen und das Coronavirus Warnschüsse, die uns zur Besinnung bringen können?

Ja, das denke ich schon. Umweltkatastrophen haben wir lange nicht in der Form begriffen. Wir haben in den Nachrichten von den Überschwemmungen im entfernten Bangladesch oder Südamerika gehört. Und wir saßen in einer scheinbar sicheren Blase. Jetzt merken wir: Das kann uns selbst treffen!

Wir sehen auch, dass die Häufigkeit der Ereignisse zugenommen hat. Wenn man konsequent weiterdenkt, ist auch Corona – das zeigt eine Studie der Harvard University – das Ergebnis von Ressourcenverbrauch und Klimawandel. Weil wir auf der einen Seite das natürliche Habitat von Wildtieren abholzen, um beispielsweise Palmöl anzubauen. Damit erzeugen wir einen Druck, die solche Zoonosen wahrscheinlicher werden lassen.

Wir fangen so langsam an zu spüren, dass es anfängt zu kosten. Wir müssen eine neue Grammatik entwickeln, die nicht mehr auf materiellem Wachstum beruht, sondern auf anderen Kategorien. Das bedeutet nicht Verzicht. In dem Moment, in dem ich merke, es geht mir damit besser, verzichte ich nicht. Bis wir diese kulturelle Veränderung erreicht haben, wird es dauern. Aber es wird letztendlich die Lösung sein.

Wenn Sie optimistisch in die Zukunft blicken, in was für einer Welt wird Emil leben?

Ich bin Optimist und ich glaube fest daran, dass diese Welt besser wird. Weil wir die wesentlichen und qualitativ wichtigen Dinge im Leben vielleicht eher erkennen. Weil wir nicht mehr geblendet werden von alldem, was uns jeden Tag antreibt.

Und wir leben in einer Zeit, in der Technologie, wenn sie sinnvoll eingesetzt wird, ein enormes Potenzial hat – wenn man das Know-how für die richtigen Ziele einsetzt. Wir sehen, dass die Welt in den letzten Jahrzehnten graduell in vielen Bereichen besser geworden ist. Und wir werden nach und nach erleben, dass Dinge sich verbessern. Die Generation Emil wird unsere Generation in 50 Jahren angucken und sagen: „Wie konntet ihr Massentierhaltung zulassen?“ Aber Bewusstseinsprozesse brauchen ihre Zeit. Ich bin zuversichtlich, dass wir dahinkommen, dass die Welt am Ende eine bessere wird. Aber es ist eine große Herausforderung.