„Regulierungsflut, Niedrigzins, Digitalisierung – wo bleibt der Kunde?“

Uwe Fröhlich, DZ Bank, auf dem 37. Wirtschaftstag der Volksbank

08.11.2017 Winsen (Luhe)

Eingeladen hatte die Volksbank Lüneburger Heide eG den Präsidenten des Bundesverbandes der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), der den Spitzenverband der genossenschaftlichen Bankengruppe vertritt. Gekommen war Uwe Fröhlich als Generalbevollmächtigter und angehender Vorstandsvorsitzende der DZ-Bank – diesen Wechsel hatte er zum 1. November vollzogen. Kein Grund für ihn, sich nicht weiterhin mit den Fragen und Anliegen der Volksbank-Kunden und -Mitglieder zu befassen.

Vor rund 650 Gästen – „etwas so viele, wie wir Mitarbeiter haben“, so Volksbank-Vorstand Cord Hasselmann in seiner Begrüßung - schilderte Uwe Fröhlich in der Winsener Stadthalle, wie sich Maßnahmen der EZB und der Europäischen Union auf den Verbraucher auswirken könnten und welche Haltung Deutschland dazu hat.

Uwe Fröhlich auf dem Wirtschaftstag der Volksbank Lüneburger Heide eG 2017
Uwe Fröhlich, Generalbevollmächtigter der DZ BANK, nahm auf dem Wirtschaftstag die Regulierungsflut im Bankensektor ins Visier.

Er erinnerte zunächst an die Bankenkrise, die 2007 in den USA ihren Anfang genommen hatte. „Die Krise erschütterte unseren Glauben an die soziale Marktwirtschaft. Das beschäftigt die Politik bis heute“, sagte Fröhlich. Die Folge war eine schärfere Bankenregulierung, was Fröhlich unterstützte, „aber sie muss an der richtigen Stelle greifen“. Letztlich habe die Krise für einen großen Regulierungsschub gesorgt. Aus EU-Sicht sollte eine Bankenunion aus den drei Säulen zentrale Bankenaufsicht, einheitlicher Abwicklungsmechanismus und harmonisierte Einlagensicherung bestehen. „Ein einheitlicher Abwicklungsmechanismus funktioniert nicht“, betonte Fröhlich. So sei die 2016 in die Krise geratene italienische Banca Monte del Paschi vom italienischen Staat abgewickelt worden.

Als gut bezeichnete Fröhlich die einheitlichen Richtlinien für Eigenkapital und Liquidität, als problematisch hingegen Regelungen, die den Verbraucherschutz berühren. Die Wohnimmobilienkreditrichtlinie – „schon als Wort ein Ungetüm!“ - etwa verlange sicherzustellen, dass der Kredit zu Lebzeiten des Kreditnehmers abbezahlt werden könne. „Demnach wären sämtliche Politiker im Bundestag nicht kreditwürdig, da ihr Einkommen nur auf eine Legislaturperiode befristet gesichert ist.“ Auch die vorgeschriebene elektronische Aufzeichnung bei telefonischen Beratungsgesprächen sei eine „Maßnahme, die Misstrauen sät zwischen Kunden und ihrer Bank“ – von den hohen Kosten solcher Maßnahmen ganz abgesehen.

Uwe Fröhlich auf dem Wirtschaftstag der Volksbank Lüneburger Heide eG 2017

Eine gemeinsame Einlagensicherung sah Fröhlich kritisch: „Für Italien zum Beispiel wären 12,5 Milliarden Euro durch die europäische Solidargemeinschaft aufzubringen gewesen. Das finden wir – Genossenschaftsbanken, Sparkassen und Privatbanken in Deutschland – nicht wirklich attraktiv.“ Die Bundesregierung habe sich gegen eine gemeinschaftliche Einlagensicherung positioniert, schließe sie aber für die Zukunft nicht aus.

Die Regulatorien belasten kleine und mittlere Banken besonders stark. Deswegen wollen Banken und Sparkassen in Deutschland mithilfe des Bundesfinanzministers gemeinsam auf die EU einwirken, für kleinere Banken die Anforderungen zu erleichtern, zusammengefasst unter dem Begriff „Small Banking Box“. Fröhlich plädierte dafür, dass Regulierung klaren Prinzipien folgen müsse: Sie müsse Banken stärker und widerstandsfähiger machen, den Verbraucherschutz substanziell verbessern, Schlupflöcher schließen, unterschiedliche Geschäftsmodelle, Risikoorientierungen und Größenordnungen berücksichtigen, klare Zuständigkeiten schaffen, alle Finanzdienstleister gleichermaßen in den Blick nehmen und verlässliche Regelungen auf möglichst breiter Ebene schaffen – national, europäisch und global.

Der Vorstand der Volksbank Lüneburger Heide eG, Gerd-Ulrich Cohrs (l.) und Cord Hasselmann (r.) beim Wirtschaftstag in Winsen, zusammen mit dem Referenten Uwe Fröhlich vom Führungsteam der DZ BANK.
Der Vorstand der Volksbank Lüneburger Heide eG, Gerd-Ulrich Cohrs (l.) und Cord Hasselmann (r.) beim Wirtschaftstag in Winsen, zusammen mit dem Referenten Uwe Fröhlich vom Führungsteam der DZ BANK.

Die anhaltend niedrigen Zinsen belasten Anleger, doch es gibt auch Profiteure: Schuldner, Anleger von Risikokapital, Firmenübernahmen (die durch günstige Kredite möglich werden) und den Staat als Schuldner. „Wir glauben aber, dass sich eine Zinswende mittel- bis langfristig nicht vermeiden lässt. Die USA haben schon vorgelegt, der europäische Wirtschaftsraum kann sich der Entwicklung nicht entziehen. Wir gehen außerdem davon aus, dass das Wirtschaftswachstum in Deutschland weiter positiv verlaufen wird.“

Die Banken hingegen müssten nachdenken, wie ihr Geschäft dauerhaft funktioniert. „Das geht nicht mehr gratis, Dienstleistungen müssen ihren Preis haben“, betonte Fröhlich. Anderseits seien den Bundesbürgern schon 436 Milliarden Euro an Zinsen entgangen, dem stünden 190 Milliarden Ersparnis durch günstige Kredite gegenüber. „Herr Draghi muss sich fragen, warum es trotzdem nicht gelingt, die Inflation über 1,5 Prozent zu bringen und die Arbeitslosigkeit in bestimmten EU-Ländern zu reduzieren.“

Uwe Fröhlich auf dem Wirtschaftstag der Volksbank Lüneburger Heide eG 2017

Wohin also entwickelt sich Europa? „Junker will Brüssel stärken und ein zentralistisches Europa. Macron will weg von der Politik der kleinen Schritte. Schäuble will ordnungspolitisch sauber bleiben. Das geht nicht ohne einen Teil gemeinschaftlicher Haftung, das halte ich für wahrscheinlich“, sagte Fröhlich. „Ich mache mich stark dafür, weil Europa unsere Werte sicherstellt.“

Beim Thema Digitalisierung übte Fröhlich Selbstkritik: „Wir sind auf Bankenseite sehr spät aufgestanden und hätten beinahe den Anschluss verpasst. Wir haben aber früh entschieden, dass wir keine Direktbank sein wollen, sondern die Genossenschaftsbanken vor Ort stärken. Die Digitalisierung soll unterstützend unter die Arme greifen. Unter dem Omnikanal-Gedanken verstehen wir, dass der Kunde entscheidet, wann und wie er auf seine Bank zugeht. Wir wollen den Menschen und die Beratung vor Ort weiter in den Mittelpunkt unserer Aktivitäten stellen.“